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Jürgen Köhler

o.T., 2005, Bleistift & Tusche auf Papier,
59,8 x 41,7 cm


CUBES AND SIGNIFICANT THINGS I
2005, Bleistift, Buntstift &
Tusche auf Papier, 40,7 x 29,3 cm



Köhlers Zeichnungen tauchen in großer Zartheit vor uns auf, so, als wollten sie uns gar nicht berühren: silberstiftig angespitzt, mit scheinbar suchendem Strich, die Lagen übereinander und transparent bis zum Grund. Sie sind ein Ereignis und bleiben doch ein Vorgang.

Aber was geht vor? Klandestine Katastrophen allemal, doch sehen wir sie vor oder nach ihrem Geschehen? Wir wissen es nicht. Denn Köhler stellt das, was vorgeht, auf eine metaphysische Weise still. Es gibt kein Davor und Danach, die Zeit hat keinen Anfang und kein Ende. Sie besteht als Vektor des Raumes, kann aber nicht gemessen, schon gar nicht als Funktion einer Geschwindigkeit (des Handelns? des Verstehens?) erfaßt werden. Ein Vorgang, der vorgeht, wir können ihn nicht greifen.

Auf einem der Blätter betrachtet ein Mann den Vorgang. Er schaut tief nach unten, so, als ginge das Vorgehende außerhalb des Blattes vor. Innerhalb des Blattes gibt es nur eine ungeklärte Raumstruktur aus Arkaden und Phiolen, ein Laboratorium, aus einem Haus heraus gebaut, darin einer am eigenen Erkennen laboriert. Das einzig Gewisse, meint man, sei die Schwerkraft, wenn schon nicht die Anatomie. Doch auch dieser Eindruck trügt.

Köhlers Erfindungen sind durch und durch hybrid. Sie entstammen einer Phantasie, durch die alle die fremdartigen Bilder hindurchgegangen sind, die gerade nicht aus den Medien auf uns einschreien und die verborgen bleiben, wenn wir sie nicht an den Rändern, gleichsam unterhalb der Wahrnehmungsschwellen des Alltags suchen wollen. Sie sind durchtränkt von Gegenwart und bleiben doch außer ihr wie Träume. Im Modus der Alten dekretiert Köhler seinen Figuren so etwas wie Reinheit und kämen sie auch noch so lasziv daher. Wir können die Alten nicht verstehen, sagt Adorno, wir bilden uns das nur ein, weil wir sie zu kennen meinen. Verstehen können wir nur das Gegenwärtige, aber das kennen wir meist nicht.

Köhlers Methode ist nur scheinbar synkretistisch, die alten Italiener und die Niederländer der Frührenaissance strukturieren sein Bildgedächtnis: Engel, Madonnen, Märtyrer. Diese Bilder sind seine Wirklichkeit und manchmal auch in einem direkten Sinne seine Sprache. In sie hinein projiziert er die Fallen und Erfahrungen des Gegenwärtigen: Schlaf und Liebe, Schmerz und Bedrohung, Welt- und Zeitflucht und immer wieder die Sehnsucht nach dem Verstehen, dessen Unmöglichkeit er nicht akzeptieren will. Aber eigentlich zählen Köhlers Blätter zur ars oblivionis. Sie handeln vom Vergessen, von einem labilen Bewußtseinszustand, in dem wir das Sehen als flüchtigen Widerschein von schon längst Gekanntem verstehen, als déjà-vu, das im Sehen selbst entgleitet, ehe es als solches erfaßt werden kann. Man mag das als einen tröstlichen Vorgang betrachten, weil nur das zu erinnern ist, was zuvor vergessen wurde. Daher rührt die metaphysische Balance in diesen Blättern, die uns eine Erinnerung an etwas Unerklärtes vorspiegeln, an etwas Vergessenes, von dem der Zeichner uns verspricht, wir könnten seiner wieder inne werden, wenn wir uns in die raffinierten Camouflagen seiner Bildkonstruktionen verstricken lassen.

Matthias Flügge

   
o.T. (Doppelform rosa), 2003,   
Silberstift & Wasserfarbe auf Papier, 26,5 x 35,6 cm      
   
       LANDSCHAFT MIT SCHWEBENDEN FORMEN, 2005,
      Bleistift, Buntstift & Wasserfarbe auf Papier, 29,7 x 42 cm


CUBES AND SIGNIFICANT THINGS VI
2005, Bleistift & Wasserfarbe auf Papier,
29,7 x 42 cm

CUBES AND SIGNIFICANT THINGS V
2005, Buntstift & Wasserfarbe auf
Papier, 29,7 x 42 cm

o.T. (OBLONG), 2005,
Bleistift & Tusche auf Papier,
42 x 29,7 cm

Koehler’s drawings appear before us with a great delicacy as if they would not touch us. Sharpened like a silverpoint with an apparent inquiring line, the layers one over the other encapsulate a transparency reaching the core.

These drawings seem to be presented as a finished product, yet remain in a continual process.

But what is going on? Clandestine catastrophes in every case, but do we see them before or after they have happened? We do not know. Koehler is capturing what is going on in a metaphysical way. There is no before and no after; time has no beginning and no end.

Time exists as a vector of space, which cannot be measured, not even as a function of speed (of interaction? of perception?). It is a process, which continues but which we cannot fathom.

In one case a man observes this process. He looks deep down as if it happens outside of the drawing. Inside, there is an unsettled space consisting only of arcades and vials, a laboratory built from a house, in which someone examines his own cognition.

The only thing one can be sure of is gravitational force, if not anatomy. However, this impression is deceptive as well.

Koehler’s inventions are hybrids through and through. They emanate from a fantasy of unfamiliar images, untouched by the influence of media, and will remain arcane if we avoid venturing outside of the margins, beneath the perceptual threshold of everyday life. They are saturated with the influence of the present yet remain outside of it, like dreams.

Following the mode of the Old Masters, Koehler instills in his figures a sense of purity, even if they appear lascivious. According to Adorno, we cannot understand these masters or their time; we simply assume we do because we believe we know them, but this is seldom recognized.

Koehler’s method is only apparently syncretistic. The Italian and Dutch artists of the early Renaissance shaped his mental imagery: angels, madonnas, and martyrs. These images are his reality and sometimes also, in a direct sense, his language. Through them he projects the pitfalls and experiences of the present: sleep and love; pain and threat; escape from world and time; and always the longing for understanding, the impossibility of which he refuses to accept.

However, in actuality, Koehler’s works belong to the ars oblivionis. They deal with the forgotten and with the unstable state of our awareness. In this state we understand vision as a fleeting reverberation of a further knowledge, as déjà-vu that slips into the process before it can be recognized as an apparition. One can see this as a consoling process because only that which was forgotten can be remembered.

This may be the cause of the metaphysical balance, which these drawings stir up. It reminds us of a memory reflecting something unclear, something forgotten. The draughtsman ensures that we can take possession of these memories again, if only we immerse ourselves in the sophisticated camouflage of his pictorial constructions.

Translated from a text by Matthias Fluegge Vice President The Academy of Art, Berlin